Austellung Galleria Graziosa Giger 2004

Cláudio Antunes – Photographien

Drei neue Werkgruppen des Künstlers Cláudio Antunes kommen diesen Herbst in den einladenden Räumen der Galerie Graziosa Giger zur Ausstellung. Diese drei Werkgruppen, die vornehmlich 2003 und 2004 entstanden sind, machen deutlich, wie es dem Photographen seit seiner letzten Zürcher Präsentation vor drei Jahren gelungen ist, mit Gespür, grosser Vorstellungskraft sowie Beharrlichkeit gestalterisch neue Möglichkeiten zu entfalten und Fokussierungen im Radius seines künstlerischen Schaffens zu finden. Aufbauend auf den früher gewonnenen photographischen Erfahrungen erprobt Cláudio Antunes zur Zeit neuartige Interpretationen und Variationen seines Motiv-Repertoires. Seit seinen künstlerischen Anfängen dem Faszinosum Wasser verpflichtet, fliessenden und stehenden Gewässern in natürlicher wie städtischer Umgebung mit ihrer Eigenart von Transparenz und Reflektion, fängt er deren verhaltene Schönheit mit seiner Kamera ein, gelenkt von seiner Intuition für das Besondere des Augenblicks.

Umspülte, überflutete oder einfach ruhig am Ufer lagernde Gesteinsformationen, deren Physis sich im flüchtigen Spiegelbild scheinbar mit Wasser vermählt, sind Phänomene, die Cláudio Antunes’ Aufmerksamkeit wecken und ihn in Bann ziehen. Hier findet sein versiertes Auge natürliche Erscheinungen von faszinierenden optischen Überlagerungen. Ansicht und Spiegelung der vom Strom gerundeten Felsen und Kiesel erscheinen in den Photographien überblendet und irritierend gegenwärtig. Diese Brechungen in der Abbildung wirken der Betrachterorientierung entgegen, das Schauen offenbart eine Situation, die verschiedene Deutungen zulässt. Die Bilder (welche sich nicht selten vom Künstler gedreht präsentieren und dadurch eine weitere Abstrahierung erfahren) können sich im Blick des Visavis immer wieder anders darstellen. Sie laden sogar verschiedentlich ein, sich assoziativ von der eigentlichen Naturgegebenheiten zu lösen und eine persönliche Motivvariante zu entdecken.

Als besondere Qualität dieser Steininszenierungen sei der Reichtum an Farbnuancen hervorgehoben. Ein eingehendes Beobachten der grossformatigen Bilder offenbart in den Grauwerten allmählich eine erstaunliche Varietät an Verfärbungen, die aus dem Spiel von Licht, Wasser und Verschattungen hervorgehen. Bei andern Spiegelbildern versetzt die kaleidoskopartige Auffächerung von Grüntönen,  welche sich aus der Vegetation und dem von ihr gefilterten Sonnenlicht ergeben, in Erstaune. Schliesslich besticht die graphische Dichte des jeweils ausgewählten Bildausschnittes. Flächen und Linien der abgelichteten Steine und Pflanzen verweben sich zu einem ästhetisch komponierten, spannungsvollen Gefüge.

Vielfache Brechungen und Auffächerungen des Lichts sind das Thema von Cláudio Antunes’ Bildgruppe gekräuselter Wasseroberflächen. Kostbaren Geweben gleich, spannen sich berückend schöne Ornamentstrukturen über die Bildflächen. Das Wasser wird zur wabenförmig rhythmisierenden Textur, zu einem Speicher funkelnder und gleissender Sonnenflecken. Eingefangen in der Photographie, erfährt solches Naturschauspiel eine Hommage. Hierzu gesellen sich auch die Nahaufnahme der besonnten Eistopographie und die Aufsichten auf Felserosionen in vormaligne Gletscherzonen.

Bei vielen der beschriebenen Aufnahmen nimmt Cláudio Antunes in seinem Atelier eine weitere gestalterische Auseinandersetzung vor. Die auf die Dias eingefangenen Naturschönheiten werden von ihm auf einen textilen Untergrund projiziert und dienen ihm als neuerliches Sujet für photographische Aufnahmen. Ausgewählte Ausschnitte dieser Lichtbilder ermöglichen eine weitere kompositionelle Verdichtung und eine Steigerung der graphischen Prägnanz. Die feine Webstruktur des Textils schafft eine besondere Weichzeichnung der Konturen und eine unerwartete Verfremdung des Sujets.

Von hohem Abstraktionsgrad schliesslich sind die Übersetzungen photographierter Lichtspiegelungen auf sich sacht bewegter Wasserfläche in das Medium des Siebdrucks. Cláudio Antunes hat mehrer Ausschnitte solcher Reflexionen ausgewählt, durch Farbverzicht im Helldunkel-Kontrast gesteigert und bilddynamisch geschickt ins Format eines Quadrats gesetzt. Diese Stilisierungen erscheinen nun als Duplexdruck auf Glasplatten zu mehrteiligen Kompositionen arrangiert. Der Bildträger Glas, vor der Wand montiert, ermöglicht durch Schattenwürfe und Lichtbrechungen an den Kanten eine Bildintensivierung, welche diese Scheiben gleichsam als kostbare Architekturausstattung aufscheinen lassen.

Gabrielle Obrist 2004

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